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Nahaufnahme von Beinen in tiefer Kniebeuge mit Knien über den Zehen auf Holzplattform

Knees Over Toes / ATG: Claim für Claim geprüft

· Chris · 7 Min. Lesezeit

“Knie dürfen nicht über die Zehen” — diesen Satz hat jeder schon gehört, der je ein Fitnessstudio betreten hat. Ben Patrick, besser bekannt als @KneesOverToesGuy, hat daraus ein Imperium gebaut: Millionen Follower, ein Online-Coaching-Programm (ATG), eigene Geräte, und eine Botschaft, die polarisiert.

Aber was davon ist Wissenschaft und was Marketing? Dieser Artikel prüft die Kernbehauptungen Claim für Claim.

Wer ist Ben Patrick?

Ben Patrick ist ein amerikanischer Fitness-Coach und Social-Media-Creator, der das ATG-Programm (Athletic Truth Group) entwickelt hat. Seine Geschichte: Schwere Knieprobleme seit der Jugend, mehrere Operationen, die Prognose, er würde nie richtig Sport treiben können. Durch sein eigenes Trainingssystem habe er seine Knie “geheilt” und könne heute schmerzfrei dunken.

Die Geschichte ist beeindruckend — aber es ist eine n=1-Anekdote. Keine medizinische Dokumentation, keine kontrollierte Studie. Das macht sie nicht falsch, aber es ist keine Evidenz im wissenschaftlichen Sinne. Schauen wir stattdessen auf die einzelnen Bausteine seines Programms.

Die Kernbehauptungen — im Evidenz-Check

1. “Knie über Zehen ist sicher” ✅ Starke Evidenz

Dies ist die bekannteste ATG-Botschaft — und sie stimmt.

Schoenfeld (2010) analysierte die Kniebeuge-Biomechanik und zeigte: Das künstliche Zurückhalten der Knie verlagert die Belastung auf Hüfte und unteren Rücken. Die Knie nach vorne gehen zu lassen ist nicht gefährlich — es ist biomechanisch natürlich.

Hartmann et al. (2013) bestätigten in einem systematischen Review: Tiefe Kniebeugen sind für gesunde Knie nicht schädlich. Die Kompression auf die Kreuzbänder nimmt in der Tiefe sogar ab, weil Wade und Oberschenkel sich berühren und den Druck auffangen (“Wrapping Effect”). Die höchste retropatelläre Belastung tritt bei ~90° Kniebeugung auf — also bei halben Kniebeugen, nicht bei tiefen.

Fazit: ATG hat hier Recht. Der alte Mythos ist längst widerlegt — ATG hat ihn nur effektiv populär gemacht.

Wichtiger Caveat: “Gesunde Knie” ist der Schlüsselbegriff. Menschen mit Meniskusschäden, fortgeschrittener Arthrose oder nach Knie-OPs brauchen individuelle Beurteilung, nicht ein Pauschalrezept.

2. “Tiefe Kniebeugen sind besser als halbe” ✅ Starke Evidenz

Bryanton et al. (2012) zeigten: Tiefere Kniebeugen erhöhen die relative muskuläre Belastung des Gluteus Maximus und der Hüftextensoren — also mehr Muskelarbeit, mehr Wachstum.

Schoenfeld & Grgic (2020) bestätigten in einem Review: Full Range of Motion Training erzeugt mehr Hypertrophie als Partial ROM. Pallarés et al. (2020) verglichen volle und halbe Kniebeugen über einen Trainingszeitraum — volle Squats produzierten überlegene neuromuskuläre Anpassungen und weniger Schmerzen.

Fazit: Wer tief squattet, wird stärker und baut mehr Muskel auf. Aber: Nicht jeder kann tief squatten. Individuelle Anatomie (Hüftpfannentiefe, Femur-Tibia-Verhältnis) bestimmt die erreichbare Tiefe. Erzwungene Tiefe mit Kompensation (Butt Wink, Lendenwirbelsäulen-Flexion) verlagert das Risiko auf die Wirbelsäule.

3. “Nordic Curls verhindern Verletzungen” ✅ Sehr starke Evidenz

Das ist der stärkste Baustein des ATG-Programms — und kein ATG-Original, sondern etablierte Sportmedizin.

Al Attar et al. (2017) zeigten in einer Meta-Analyse: Programme mit Nordic Hamstring Curls reduzierten Hamstring-Verletzungen um ~51%. Van der Horst et al. (2015) bestätigten das in einer RCT mit ~580 Fußballspielern.

Der Mechanismus: Exzentrische Stärkung der Hamstrings erhöht deren Belastungstoleranz. Mjølsnes et al. (2004) zeigten, dass Nordic Curls die exzentrische Hamstring-Kraft deutlich steigern.

Fazit: Nordic Curls gehören in jedes Trainingsprogramm — unabhängig von ATG. Die Evidenz ist erstklassig.

4. “Rückwärtsgehen / Reverse Sled heilt Knie” 🟡 Moderate Evidenz

Rückwärtsgehen (Retro Walking) hat tatsächlich biomechanische Vorteile:

  • Keine exzentrische Bremsphase wie beim Vorwärtsgehen
  • Reduzierte Bodenreaktionskräfte — weniger Impact-Stress
  • Konzentrische Quadrizeps-Arbeit ohne hohe patellofemorale Kompression

Gondhalekar & Deo (2013) zeigten in einer RCT: Retro Walking als Ergänzung zur Physiotherapie verbesserte Schmerz und Funktion bei Knie-Arthrose deutlich mehr als Physiotherapie allein.

Fazit: Rückwärts-Sled und Rückwärtsgehen sind tatsächlich nützlich für Knie-Rehab und als Low-Impact-Training. Nicht revolutionär — Physiotherapeuten nutzen das seit Jahren — aber ATG hat es für ein breiteres Publikum zugänglich gemacht.

5. “Tibialis-Training verhindert Schienbeinschmerzen” 🟠 Schwache Evidenz

Hier wird es problematisch. ATG verkauft eine spezielle “Tib Bar” und positioniert Tibialis-Training als fast magische Lösung für Schienbeinschmerzen und Kniegesundheit.

Die Realität:

  • Es gibt keine großen RCTs oder Meta-Analysen, die zeigen, dass isoliertes Tibialis-Training Schienbeinschmerzen (Mediales Tibia-Stress-Syndrom) oder Knieverletzungen verhindert
  • Die anatomische Logik ist plausibel — ein stärkerer Tibialis Anterior könnte als Stoßdämpfer fungieren
  • Aber “plausibel” ist nicht “bewiesen”

Fazit: Tibialis-Training ist wahrscheinlich nicht schädlich und kann für manche Menschen helfen. Aber es als Kernstück der Kniegesundheit zu vermarkten, ist der Evidenz voraus — und zufällig verkauft ATG das dazugehörige Equipment.

6. “Jefferson Curls sind sicher und nützlich” 🔴 Kontrovers

Jefferson Curls — belastete Wirbelsäulen-Flexion mit Gewicht — sind die kontroverseste Übung im ATG-Programm. Viele Wirbelsäulen-Spezialisten und Physiotherapeuten raten davon ab, besonders für Menschen mit Bandscheibenproblemen.

Fazit: Für gesunde, mobile Trainierende möglicherweise vertretbar. Für die breite Masse, die ATG anspricht (oft Menschen mit Schmerzen und Verletzungsgeschichte): Risiko-Nutzen-Verhältnis unklar. Dieser Punkt wird im ATG-Marketing nicht ausreichend thematisiert.

Die Evidenz-Tabelle

ClaimEvidenz-LevelBewertung
Knie über Zehen = sicher✅ StarkRichtig. Etablierte Biomechanik.
Tiefe Squats > halbe Squats✅ StarkRichtig für Gesunde mit guter Mobilität.
Nordic Curls = Verletzungsprävention✅ Sehr starkRichtig. Beste Evidenz im Programm. ~51% Risikoreduktion.
Rückwärts-Sled für Knie-Rehab🟡 Moderat-StarkGrundsätzlich nützlich, nicht revolutionär.
Tibialis-Training = Kniegesundheit🟠 Schwach-ModeratPlausibel, aber keine starke Evidenz. Überverkauft.
ATG-Programm heilt Knie🟠 AnekdotischKeine kontrollierten Studien zum Gesamtprogramm.
Jefferson Curls = sicher🔴 KontroversRiskant für viele Populationen. Unzureichend thematisiert.

Was ATG richtig macht

Bei aller kritischen Betrachtung: ATG hat tatsächlich positive Beiträge geleistet.

  1. Den Knie-über-Zehen-Mythos populär widerlegt — Millionen Menschen trainieren jetzt besser, weil ATG diese Botschaft verbreitet hat
  2. Nordic Curls mainstream gemacht — Eine der best-evidenzierten Übungen, die vorher nur im Profisport bekannt war
  3. Full ROM Training propagiert — Im Einklang mit der Forschung (Schoenfeld & Grgic, 2020)
  4. Rückwärtsgehen als Training normalisiert — Low-Impact-Option für Knie-Probleme

Was ATG überverkauft

  1. Tibialis-Training als Kernstück — Die Evidenz ist dünn, das Equipment ist teuer
  2. Die persönliche Geschichte als Beweis — n=1-Anekdote, keine kontrollierte Studie
  3. “Bulletproof your knees” — Kein Programm kann Verletzungen verhindern. Selbst Nordic Curls reduzieren das Risiko nur um 51%, nicht um 100%
  4. One-Size-Fits-All-Ansatz — Online-Coaching berücksichtigt keine individuellen biomechanischen Unterschiede, Verletzungsgeschichten oder Kontraindikationen
  5. Jefferson Curls ohne ausreichende Warnung — Belastete Wirbelsäulen-Flexion ist für viele Menschen kontraindiziert

Das große Bild: Nichts davon ist neu

Die meisten ATG-Prinzipien sind nicht neu — sie sind gut verpackte Sportmedizin:

  • Full ROM Squats: Charles Poliquin hat das seit den 90ern propagiert
  • Nordic Curls: In der Sportmedizin seit Mjølsnes et al. (2004) etabliert
  • Rückwärtsgehen: Standard-Tool in der Physiotherapie
  • “Knie über Zehen”: Von Biomechanikern seit Jahrzehnten als Mythos erkannt

ATG hat diese Konzepte für Social Media aufbereitet und Millionen Menschen erreicht, die nie einen Sportmediziner oder Poliquin-Artikel gelesen hätten. Das ist ein Verdienst. Aber die Behauptung, etwas “entdeckt” zu haben, ist übertrieben.

Für wen eignet sich das ATG-Programm?

Geeignet für:

  • Gesunde Trainierende, die ihre ROM und Knie-Resilienz verbessern wollen
  • Sportler, die Verletzungsprävention (Nordic Curls, Rückwärts-Sled) einbauen wollen
  • Menschen mit leichten Kniebeschwerden, die Low-Impact-Optionen suchen (nach ärztlicher Freigabe)

Nicht geeignet als Ersatz für:

  • Physiotherapie nach Operationen oder schweren Verletzungen
  • Individuelles Coaching bei komplexen biomechanischen Problemen
  • Ein vollständiges Krafttrainingsprogramm — ATG fokussiert fast ausschließlich auf den Unterkörper

Fazit

ATG hat gute und schlechte Seiten. Die guten: Full ROM Training, Nordic Curls, Rückwärtsgehen — alles wissenschaftlich fundiert. Die schlechten: Tibialis-Hype, Jefferson-Curl-Risiko, Anekdote als Beweis, One-Size-Fits-All-Marketing.

Der beste Ansatz: Nimm die wissenschaftlich fundierten Elemente (Nordic Curls, tiefe Kniebeugen, Rückwärts-Sled), ignoriere den Hype (Tib Bar als Wundermittel), und konsultiere bei echten Knieproblemen einen Sportmediziner — nicht einen Instagram-Account.


Quellen

  • Hartmann H, Wirth K, Klusemann M (2013). Analysis of the Load on the Knee Joint and Vertebral Column with Changes in Squatting Depth and Weight Load. Sports Medicine, 43(10):993-1008.
  • Schoenfeld BJ (2010). Squatting Kinematics and Kinetics and Their Application to Exercise Performance. JSCR, 24(12):3497-3506.
  • Al Attar WSA et al. (2017). Effect of Injury Prevention Programs that Include the Nordic Hamstring Exercise on Hamstring Injury Rates in Soccer Players. Sports Medicine, 47(5):907-916.
  • van der Horst N et al. (2015). The Preventive Effect of the Nordic Hamstring Exercise on Hamstring Injuries in Amateur Soccer Players. Am J Sports Med, 43(6):1316-1323.
  • Mjølsnes R et al. (2004). A 10-week Randomized Trial Comparing Eccentric vs. Concentric Hamstring Strength Training. Scand J Med Sci Sports, 14(5):311-317.
  • Bryanton MA et al. (2012). Effect of Squat Depth and Barbell Load on Relative Muscular Effort in Squatting. JSCR, 26(10):2820-2828.
  • Schoenfeld BJ, Grgic J (2020). Effects of Range of Motion on Muscle Development During Resistance Training Interventions. SAGE Open Medicine, 8:2050312120901559.
  • Gondhalekar GA, Deo MV (2013). Retrowalking as an Adjunct to Conventional Treatment in Patients with Knee Osteoarthritis. North Am J Med Sci, 5(2):108-112.

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