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RIR vs. RPE: Was ist der Unterschied — und was solltest du nutzen?
RPE 8 und RIR 2 beschreiben im Krafttraining fast dieselbe Situation: Du beendest den Satz und schätzt, dass noch ungefähr zwei saubere Wiederholungen möglich gewesen wären.
Der Unterschied liegt vor allem darin, wie du dieselbe Information ausdrückst. RIR zählt die verbleibenden Wiederholungen direkt. Die krafttrainingsspezifische RPE-Skala bewertet die Anstrengung auf einer Skala bis 10.
Für die Praxis ist deshalb weniger wichtig, welche Abkürzung du bevorzugst. Wichtiger ist, ob du die Skala konsistent einschätzen kannst und weißt, wo ihre Grenzen liegen.
RPE und RIR in einer Minute
| Einschätzung | RPE | RIR |
|---|---|---|
| Keine weitere saubere Wiederholung möglich | 10 | 0 |
| Etwa 1 Wiederholung übrig | 9 | 1 |
| Etwa 2 Wiederholungen übrig | 8 | 2 |
| Etwa 3 Wiederholungen übrig | 7 | 3 |
Im Bereich nahe am Muskelversagen lässt sich die Beziehung deshalb leicht merken:
RPE 8 ≈ RIR 2
RPE 9 ≈ RIR 1
RPE 10 ≈ RIR 0
Das Zeichen ≈ ist bewusst gewählt. Die Skalen sind praktische Einschätzungen und keine Messgeräte.
Zum schnellen Nachschlagen im Training gibt es die RPE-Tabelle mit den gebräuchlichen Stufen und Beispielen.
Was bedeutet RPE im Krafttraining?
RPE steht für Rate of Perceived Exertion, also die subjektiv wahrgenommene Anstrengung.
Der Begriff ist älter als die heute im Krafttraining übliche Skala. Gunnar Borg entwickelte ursprünglich RPE-Skalen für die allgemeine Belastungswahrnehmung im Ausdauerbereich. Für Krafttraining wurde später eine repetitionsbasierte 1-bis-10-Skala etabliert, bei der die oberen Stufen direkt an verbleibende Wiederholungen gekoppelt sind.
Eine gebräuchliche Einordnung sieht so aus:
| RPE | praktische Bedeutung |
|---|---|
| 10 | maximale Anstrengung, keine weitere saubere Wiederholung möglich |
| 9,5 | vielleicht noch eine Wiederholung |
| 9 | ungefähr 1 Wiederholung in Reserve |
| 8,5 | ungefähr 1–2 Wiederholungen in Reserve |
| 8 | ungefähr 2 Wiederholungen in Reserve |
| 7,5 | ungefähr 2–3 Wiederholungen in Reserve |
| 7 | ungefähr 3 Wiederholungen in Reserve |
Wenn ein Plan also 3×8 @ RPE 8 vorgibt, lautet die praktische Anweisung:
Wähle das Gewicht so, dass nach acht Wiederholungen noch ungefähr zwei technisch saubere Wiederholungen möglich gewesen wären.
Das ist mehr Information als nur „3×8“, weil die Vorgabe die Tagesform mit einbezieht.
Was bedeutet RIR?
RIR steht für Reps in Reserve – Wiederholungen in Reserve.
Die Frage ist noch direkter:
Wie viele Wiederholungen hätte ich am Satzende noch sauber geschafft?
| RIR | Bedeutung |
|---|---|
| 0 | keine weitere saubere Wiederholung möglich |
| 1 | ungefähr 1 Wiederholung möglich |
| 2 | ungefähr 2 Wiederholungen möglich |
| 3 | ungefähr 3 Wiederholungen möglich |
| 4+ | deutlich weiter vom Versagen entfernt |
Ein Satz mit RIR 2 ist damit kein festes Gewicht und keine feste Wiederholungszahl. 80 kg × 5 können RIR 2 sein – 60 kg × 12 ebenfalls.
Genau das macht RIR für viele intuitiv: Du musst keine Skala übersetzen, sondern beantwortest direkt eine konkrete Frage.
RPE = 10 − RIR: hilfreich, aber nicht grenzenlos
Die bekannte Formel
RPE = 10 − RIR
funktioniert als Merkhilfe gut im Bereich, in dem die krafttrainingsspezifische RPE-Skala an Wiederholungen in Reserve gekoppelt ist.
Für RIR 0 bis 3 passt sie sauber:
| RIR | RPE |
|---|---|
| 0 | 10 |
| 1 | 9 |
| 2 | 8 |
| 3 | 7 |
Je weiter ein Satz aber vom Versagen entfernt ist, desto weniger sinnvoll wird eine mathematisch exakte Übersetzung.
Ob ein sehr leichter Satz nun „RIR 7“, „RIR 9“ oder „RPE 3“ war, lässt sich kaum zuverlässig beurteilen – und für die Trainingssteuerung ist diese Genauigkeit meist auch nicht nötig.
Praktisch relevant werden RPE und RIR vor allem bei anspruchsvollen Arbeitssätzen.
RPE, RIR und %1RM beschreiben unterschiedliche Dinge
Hier entsteht häufig Verwirrung.
%1RM beschreibt die Last.
RPE und RIR beschreiben die Anstrengung beziehungsweise den Abstand zum Versagen.
Deshalb gibt es keine feste Aussage wie:
RPE 8 = 80 % des 1RM.
Angenommen, du machst drei Wiederholungen mit RPE 8. Dann hättest du nach deiner Einschätzung ungefähr fünf Wiederholungen insgesamt schaffen können.
Machst du dagegen zehn Wiederholungen mit RPE 8, läge dein geschätztes Maximum für diesen Satz bei ungefähr zwölf Wiederholungen.
Die Belastungen müssen entsprechend unterschiedlich sein.
Die folgende Tabelle zeigt das nur als Rechenbeispiel. Sie nutzt die Epley-Formel, die auch der 1RM-Rechner verwendet, und setzt voraus, dass ausgeführte Wiederholungen plus RIR ungefähr der maximal möglichen Wiederholungszahl entsprechen.
| Wiederholungen | RPE 10 (RIR 0) | RPE 9 (RIR 1) | RPE 8 (RIR 2) | RPE 7 (RIR 3) |
|---|---|---|---|---|
| 3 | 91 % | 88 % | 86 % | 83 % |
| 5 | 86 % | 83 % | 81 % | 79 % |
| 8 | 79 % | 77 % | 75 % | 73 % |
| 10 | 75 % | 73 % | 71 % | 70 % |
| 12 | 71 % | 70 % | 68 % | 67 % |
Der wichtigste Punkt ist nicht die einzelne Zahl, sondern die Spanne: Derselbe RPE-Wert kann je nach Wiederholungszahl mit sehr unterschiedlichen Prozenten einhergehen.
Und selbst diese Tabelle ist keine individuelle Wahrheit. Wiederholungsleistung bei einem gegebenen %1RM unterscheidet sich zwischen Personen, Übungen und Trainingsständen. Zusätzlich werden 1RM-Schätzformeln bei höheren Wiederholungszahlen ungenauer.
Als Orientierung funktioniert die Tabelle. Als exakte Belastungsvorgabe nicht.
Welches System ist genauer?
Weder RPE noch RIR ist automatisch genauer, weil beide von derselben Fähigkeit abhängen: Du musst einschätzen, wie nah du tatsächlich am Versagen bist.
Die Forschung zeigt dabei ein recht plausibles Muster: RIR-Schätzungen werden tendenziell genauer, wenn
- der Satz näher am Versagen liegt,
- die Last relativ hoch ist,
- und die Einschätzung später im Satz erfolgt.
Bei einem Satz, der vielleicht noch acht oder zehn Wiederholungen entfernt vom Versagen ist, kann niemand diese Reserve besonders präzise fühlen. Bei RIR 1 oder 2 ist die Aufgabe deutlich konkreter.
Interessant ist auch: Trainingserfahrung hilft nicht in jeder Untersuchung so eindeutig, wie man intuitiv erwarten würde. Erfahrene Lifter können die Skalen sehr gut nutzen, aber „Anfänger liegen grundsätzlich 1–2 Punkte daneben“ wäre zu pauschal.
Die größere Fehlerquelle ist meist nicht die Wahl zwischen RPE und RIR, sondern die Distanz zum Versagen.
Wie du RPE und RIR kalibrierst
Du musst nicht jede Woche Sätze bis zum absoluten Muskelversagen machen. Ohne gelegentlichen Abgleich bleibt RIR aber leicht eine theoretische Zahl.
Eine praktische Kalibrierung funktioniert so:
- Wähle eine Übung, die du technisch sicher beherrschst.
- Beende einen Arbeitssatz bei geschätzten RIR 2.
- Notiere deine Einschätzung.
- Gehe gelegentlich – nicht ständig – in einem geeigneten Satz kontrolliert weiter und prüfe, ob tatsächlich noch ungefähr zwei Wiederholungen möglich waren.
- Vergleiche über mehrere Wochen, ob deine Schätzung besser wird.
Maschinen und sichere Isolationsübungen eignen sich für solche Tests oft besser als eine schwere Kniebeuge ohne Spotter.
Der Sinn ist nicht, möglichst oft zu versagen. Der Sinn ist, deiner subjektiven Skala gelegentlich einen Realitätscheck zu geben.
Wann RPE sinnvoller ist
RPE ist besonders praktisch, wenn dein Programm bereits damit arbeitet.
RPE passt gut, wenn:
- dein Plan Vorgaben wie „3×5 @ RPE 8“ nutzt,
- du mit Halbstufen wie 8,5 arbeitest,
- dein Coach dieselbe Skala verwendet,
- du Last und Tagesform gemeinsam steuern möchtest.
Gerade im Powerlifting und in autoregulierten Programmen ist RPE deshalb weit verbreitet.
Der Vorteil der Halbstufen sollte allerdings nicht mit echter Messgenauigkeit verwechselt werden. RPE 8,5 sieht präziser aus, als eine subjektive Einschätzung zwangsläufig ist.
Wann RIR sinnvoller ist
RIR ist sprachlich oft direkter.
RIR passt gut, wenn:
- „noch zwei Wiederholungen“ für dich intuitiver ist als „RPE 8“,
- du neue Lifter an Nähe zum Versagen heranführst,
- du Hypertrophie-Training über einen Zielbereich wie RIR 1–3 steuerst,
- du bewusst keine Halbstufen brauchst.
Auch bei Heuristiken wie effektiven Sätzen lässt sich RIR leichter kommunizieren. Dabei sollte man nur im Kopf behalten: Eine feste Grenze wie „RIR 0–3 = effektiv, RIR 4 = wertlos“ ist keine biologische Trennlinie. Der Nutzen eines Satzes nimmt nicht plötzlich an einer Zahl auf der Skala ab.
RPE/RIR und Prozenttraining sind keine Gegensätze
RPE und RIR werden häufig als Alternative zu Prozentvorgaben dargestellt. In der Praxis lassen sich beide Systeme gut kombinieren.
Ein Programm kann beispielsweise einen Lastbereich vorgeben und zusätzlich sagen:
Arbeite heute bei ungefähr RPE 8.
Dann liefert der Prozentwert die grobe Struktur, während RPE die Tagesform berücksichtigt.
Das ist besonders hilfreich, weil deine tatsächliche Leistungsfähigkeit nicht jeden Tag exakt deinem langfristigen 1RM entspricht. Gleichzeitig hat Prozenttraining einen Vorteil: Es ist objektiv und leicht planbar.
Deshalb ist die interessante Frage nicht „RPE oder Prozent?“, sondern welches Werkzeug soll welche Aufgabe übernehmen?
→ RPE vs. Prozente: Welches System ist besser?
RPE und RIR im Training loggen
Im Workout-Screen kannst du bei jedem Satz RPE oder RIR festhalten.
Der eigentliche Nutzen entsteht nicht durch die einzelne Zahl, sondern durch den Verlauf.
Wenn du beispielsweise über mehrere Wochen 100 kg × 5 trainierst und der Satz von RPE 9 auf RPE 8 fällt, ist das ein Hinweis darauf, dass sich dieselbe Last leichter bewegt – auch wenn du an diesem Tag keinen neuen PR aufstellst.
Umgekehrt kann eine ungewöhnlich hohe RPE bei bekannten Gewichten zeigen, dass Schlaf, Stress oder vorherige Belastung heute eine Rolle spielen.
Die Pläne in hitPR können ihre Progression weiterhin über feste Regeln wie AMRAP, Double Progression oder Schema-Wechsel steuern. RPE und RIR ergänzen diese Daten um deine subjektive Belastung.
Fazit
RPE und RIR sind im Krafttraining keine rivalisierenden Systeme.
Im relevanten Bereich nahe am Versagen beschreiben sie im Wesentlichen dieselbe Information aus zwei Richtungen:
- RIR 2 fragt: Wie viele Wiederholungen waren noch übrig?
- RPE 8 sagt: Wie anstrengend war der Satz auf der repetitionsbasierten 10er-Skala?
Die bekannte Umrechnung ist nützlich, aber nicht so exakt, wie die Zahlen aussehen. Je weiter du vom Versagen entfernt bist, desto unsicherer wird die Einschätzung.
Wenn dein Programm RPE nutzt, nutze RPE. Wenn du „zwei Reps im Tank“ intuitiver findest, nutze RIR.
Die bessere Skala ist die, die du konsistent anwenden und über die Zeit sinnvoll kalibrieren kannst.
Weiterführend:
Quellen
- Zourdos MC et al. (2016). Novel Resistance Training-Specific Rating of Perceived Exertion Scale Measuring Repetitions in Reserve. Journal of Strength and Conditioning Research, 30(1):267–275.
- Helms ER et al. (2018). RPE and Velocity Relationships for the Back Squat, Bench Press, and Deadlift in Powerlifters. Journal of Strength and Conditioning Research, 32(2):292–297.
- Halperin I et al. (2024). Feasibility and Usefulness of Repetitions-In-Reserve Scales for Selecting Exercise Intensity: A Scoping Review. Sports Medicine - Open.
- Russo F et al. (2025). Factors influencing the accuracy of the repetition in reserve scale in resistance training: a systematic review. Physical Therapy Reviews.
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